Der Weihnachtsengel

Der Weihnachtsengel

(Stine Andresen 1849-1927)

Ein Weihnachtsengel zieht durchs Land
Zu forschen, welche Gaben
Die Kleinen aus des Christkinds Hand
Am liebsten möchten haben.
An jede Thüre klopft er an
Und freundlich wird ihm aufgethan.

Und überall der Wünsche viel
Ihm werden vorgetragen:
Hier Bilderbuch und Kegelspiel,
Da Puppen, Pferd und Wagen;
Und was ein Kinderherz begehrt;
Der Engel spricht: euch sei's gewährt.

Nun tritt er in ein stilles Haus;
Da herrschet dumpfes Schweigen.
Kein helles Lachen klingt heraus,
Kein froher Kinderreigen.
Im Bettchen sitzt ein einsam Kind,
Dem von der Wang' die Thräne rinnt.

Der Engel sieht's und tritt heran
Und küßt die bleichen Wangen;
»Was weinest du?« so spricht er dann,
»Sag', was ist dein Verlangen?
Mich schickt das liebe Christkind heut
Zu fragen: was dein Herz erfreut.«

Das Kindlein spricht: »Ich hab' genug
Von all den schönen Sachen.
Kein Lichterbaum, kein Bilderbuch
Kann mir noch Freude machen,
Ich wünsche mir ein Mütterlein,
Das immer könnte bei mir sein.

Die Mutter mein ging in den Tod
Und wird nicht wieder kommen.
Es heißt: sie hat der liebe Gott
In den Himmel aufgenommen;
Da spielt sie mit den Engelein,
Nun möcht' ich auch im Himmel sein.«

Und tröstend klingt es: »Liebes Kind,
Dir kann geholfen werden;
Doch was du wünschest, nimmer find'
Ich es für dich auf Erden.
Du sollst mit mir zum Himmel gehn
Und deine Mutter wiedersehn.«

Der Engel nimmt das Kindlein sacht
Dann unter seine Flügel;
Hin schweben durch die Sternennacht
Sie über Berg und Hügel.
Das Kindlein schließt die Augen zu
Und schlummert ein in sel'ger Ruh.